Soundeditoren für Mac OS X

19. August 2003 - artz-net.de home

Klang-Antiquitäten – Fundgrube Plattenschrank

Alte Schallplatten*, noch viel ältere Proberaumtapes, die verstaubte Cassettensammlung; altes Zeugs, das man ewig in irgendeiner Kiste aufbewahrt hat, das Staub ansetzt und bei jedem Umzug erneut herumgeschleppt werden muß. Und immer wieder nimmt man sich vor, den ganzen Kram irgendwann mal zu digitalisieren und dann auf handliche CDs zu brennen.

Hat man erst einmal die technischen Probleme der Digitalisierung aus dem Weg geräumt - interner Soundchip, USB-Interface oder doch gleich eine PCI-Soundkarte - braucht man vermeintlich nur noch viel Zeit, um die Daten in Echtzeit in den Rechner zu schaufeln.

Stereoanlage mit dem Rechner verbunden, Tape rein – *patsch*. Welches Programm nehme ich denn jetzt, um die Daten, die über das Kabel in den Rechner fließen abzugreifen und auf Platte zu bannen? Apple liefert ja seit dem Ende von OS 9 kein geeignetes Programm mehr mit. Und womit bearbeite ich bloß den Sound dieser 15 Jahre alten Proberaumaufnahme, die damals viel zu schlapp und fast ohne hörbare Bässe abgemischt wurde?

* Ich bin nicht der Meinung, daß CDs besser klingen als gute Pressungen einer klassischen Vinyl-Scheibe. Manchmal jedoch ist eine CD einfach handlicher und auch der einzige Weg, solch ein altes, längst vergriffenes Schätzchen mal zu verschenken. Auch als iPod-Besitzer kommt man um die Digitalisierung kaum herum.

Die Kandidaten

Eine kurze Anfrage in de.comp.sys.mac.misc nach einem Soundeditor mit Equalizer für unter 50 Euro ergab folgende Ergebnisse (Dank an Johannes Preissinger, Matthias Tillmans, Sebastian Topp, Clemens Beier, Dietmar Belloff und D. Zasche):

Sound Studio 2FeltTip Software$ 49,99
Amadeus II 3.6Hairer Software$ 25,-
Spark ME 2.5TC Workskostenlos
Spark LE 2.8TC Works$ 49,-
Pro Tools Free 5DigiDesignkostenlos
Bias Peak LE 3Bias Inc.EUR 129,- (gebraucht evtl. günstiger)

Leider verloren – Peak LE und Pro Tools Free

Leider fallen sowohl Peak LE als auch die Pro Tools sofort wieder aus der Bewertung. Peak ist mit 129 Euro definitiv zu teuer und auch eine "gebrauchte" Version 3.x dürfte bis zur Veröffentlichung der Version 4 wohl kaum für unter 50 Euro zu haben sein. Die Pro Tools wiederum sind weder direkt unter OS X noch in der Classic-Umgebung lauffähig.

Achtung: Was jetzt folgt, ist kein Testbericht, sondern lediglich meine Einschätzung der genannten Programme. Da ich kein Musik-Profi bin und meine Ansprüche zwar bescheiden aber recht speziell sind, würde ein richtiger Test der Fähigkeiten der verschiedenen Programme durch einen professionellen Musiker sicherlich anders ausfallen.

Innovative User Interface Concept – TC Works Spark ME & LE

Die Firma TC Works war nach Erscheinen von Mac OS X eine der ersten, die mit dem kostenlosen Spark ME einen Sound-Editor veröffentlichte, der direkt unter OS X lauffähig war. Leider scheint die Qualität unter der Geschwindigkeit der Entwicklung arg gelitten zu haben: mir ist selten ein Programm begegnet, das dermaßen an den Interface Guidelines des Mac OS vorbei entwickelt wurde. Kurz gesagt, das Programm ist eine ergonomische Katastrophe. Erschwerend kommt hinzu, daß der kostenlosen Version nur eine 4-seitige Andeutung eines Handbuches beiliegt.

Da sowohl das kostenlose Spark ME als auch die $ 49 teure LE Version VST-Plugins verwenden können, sind der Erweiterbarkeit theoretisch keine Grenzen gesetzt. Potentiell sind also beide Programme mächtige Werkzeuge. Für einen Anfänger bzw. Gelegenheitsbenutzer sind beide Programme wegen der äußerst umständlichen Benutzerführung (TC Works nennt dies innovative user interface concept) jedoch nicht zu empfehlen.

Weltrekord im Vorlauf – Amadeus II

Amadeus II ist ein Soundeditor für Mac OS X, den mehrere Alleinstellungsmerkmale von der Konkurrenz unterscheiden: MP3 und Ogg Vorbis Export, ein für die gebotene Leistung äußerst geringer Preis und lokalisierte Versionen in französisch, italienisch und deutsch sind bei der Konkurrenz nicht zu finden. Hinzu kommt die obligatorischen Unterstützung von VST Plugins und vollständiger Quicktime Support.

Das Interface ist aufgeräumt und zweckmäßig, und die Portierung des auch schon zu Mac OS 8 Zeit verfügbaren Programmes auf Mac OS X ist sehr gelungen. Alle verfügbaren Effekte arbeiten schnell und bieten eine gute Klangqualität, sind aber insbesondere im Bereich der Filter nicht immer sehr intuitiv zu bedienen. Damit ist auch schon die Schwachstelle des Programmes angesprochen - es fehlt ein für den Laien leicht bedienbarer Echtzeit-Equalizer.

Wer also ein schnelles, (fast) vollständiges Soundbearbeitungsprogramm mit vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten zu einem günstigen Preis sucht, sollte sich Amadeus auf jeden Fall einmal ansehen. Das entscheidende Feature fehlt Amadeus II leider und ist nur beim letzten Kandidaten zu finden.

King of The Hill – Sound Studio 2

Sound Studio 2 bietet alle wesentlichen Features eines ausgewachsenen Soundeditors in einem übersichtlichen Interface, das ebenso wie bei Amadeus II dem Vorbild SoundEdit 16 von Macromedia nachempfunden ist. Die Klangverarbeitung ist von sehr guter Qualität und das Programm läßt sich zügig und intuitiv bedienen. Zusätzlich zu den üblichen Filtern wie Fading, Noisegate, Kompressor, Flanger/Chorus sowie Echo, Delay und Reverb (letzteres leider etwas instabil) bietet Sound Studio 2 als einziger der Kandidaten einen brauchbaren Echtzeit-Equalizer.

Der Equalizer ist in drei Ausbausstufen verfügbar, vom simplen 3-Band Klangregler über den 10-Band Equalizer bis hin zum für den Normalanwender schon fast erschlagenden 30-Band Equalizer. Alle drei Versionen bieten eine direkte Kontrolle der vorgenommenen Einstellungen und erlauben das Sichern von Einstellungen für eine spätere erneute Verwendung.
Sound Studio 2 ist somit das ideale Werkzeug für die klangliche Nachbearbeitung digitalisierter alter Tonbänder oder Schallplatten. Und da sich auch der Preis mit weniger als 50 Euro für solch ein ausgereiftes Programm durchaus noch im vertretbaren Rahmen bewegt, erkläre ich Sound Studio 2 hiermit zum Sieger dieses "Tests".

Zusätzlich zu seinen hervorragenden technischen Qualitäten bietet Sound Studio auch eine ziemlich gelungene "Shareware Kontrollfunktion". Anstatt die kostenlose Funktion des Programmes wie üblich auf die ersten 30 Tage nach dem ersten Start zu begrenzen, gibt der Autor dem Anwender die Möglichkeit, das Programm effektiv 14 Tage lang zu testen, da nur die Tage gezählt werden, an denen das Programm auch wirklich genutzt wurde.

Am Schluß möchte ich mich noch einmal bei allen Ratgebern aus de.comp.sys.mac.misc bedanken. Dank Usenet lernt man nie aus...

© 2003 - Michael Artz (web2006 at artz-net.de)
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